Mittelmaß in Höchstform

Der Schauplatz meines letzten Perfektionsanspruchs war letzten Sonntag in  Rheinzabern, beim 3. Lauf (20 KM) der Winterlaufserie. Der Wunsch nach einer neuen Bestzeit ist für mich und bestimmt auch für viele andere Läuferinnen und Läufer sehr menschlich. Man hat den Drang, das aus dem Training erworbene Potenzial zu entfalten und das Beste im Wettkampf daraus zu machen. Diese Gier nach Bestzeiten bzw. in der Altersklassenliste einen Platz besser als der Laufkumpel zu sein oder nach Podiumsplätzen zu streben, ist wie der Stoff für einen Süchtigen. Man findet damit Beachtung – das ist doch toll – doch ist die Beachtung dann das Maß an dem sich die Leistung oder  unser Wert bemisst?

Am Sonntag in Rheinzabern wollte ich es schaffen, ich wollte endlich mal wieder herausragen und durch meine erhoffte tolle Leistung wieder ein besseres Selbstwertgefühl beim Laufen haben. Für meinen Versuch beim Frühjahrsmarathon in Kandel eine persönliche Bestzeit zu laufen wäre das sehr zuträglich. Ich hatte viel und gut trainiert, also musste der Knoten doch endlich mal platzen. Also bitte nicht wieder so ein 0815-Lauf, bitte kein Mittelmaß! Obwohl Mittelmaß heißt ja irgendwie mittlere Qualität, man wird den Anforderungen sozusagen gerecht, enteilt zwar nicht der Konkurrenz aber man fällt auch nicht hinter sie zurück – Super, das ist doch genug – oder? Pfffff….papperlappp… ich wollte es Krachen lassen und fertig!

Auf keinen Fall gestehe Du der Mittelmäßigkeit was zu. Hast Du Dich erst mit ihr vertragen, dann wird’s Dir bald bei ihr behagen, bis Du dereinst, Du weißt nicht wie, geworden bist, so flach wie sie.

Emanuel Geibel
Chrisi und ich vor dem Start. Er hat dem Wind getrotzt und ist eine persönliche Bestzeit gelaufen….saustark!

Vom Start weg lief es gut – ein gutes Gefühl in den Beinen wie man so schön sagt – dazu noch der Rückenwind auf den ersten Metern….alles wunderbar 🙂 Die Ernüchterung folgte dann aber auf dem Fuße. Auf der Gegengeraden pfiff uns der Wind ziemlich heftig entgegen…aus der geplanten 4:07er Pace wurde postwendend eine 4:12. Was willst du da machen? Klar am Anfang ist noch Dampf in den Beinen und ich hätte dagegen halten können doch wieder mal siegte der Kopf und ich nahm mich in Anbetracht der noch 18 zu laufenden Kilometer etwas zurück.

So ging das Ganze Kilometer für Kilometer hin und her…mal schneller mal wieder langsamer… Ergebnis nach der 1. Runde mit 10 Kilometern 41:30 Minuten. Zu diesem Zeitpunkt lief also alles auf eine 1:23 Stunden hinaus, vorausgesetzt ich würde das Tempo halten können – mittelmäßig eben! Dennoch, ich gab noch nicht auf! In der 2. Runde auf den freien Feld in Richtung Hatzenbühl dachte ich, ich stehe…. ohne Witz der Wind war so stark, dass ich für den 14ten Kilometer fast eine halbe Minute länger benötigte wie eigentlich geplant. Das war schwer für den Kopf und noch schwerer für die Beine. Der erhoffte Schub auf dem Rückweg fiel dann auch noch sehr dürftig aus…im Wald war man doch mehr geschützt und der Wind hatte weninger Druck.

Vor 25 Jahren zusammen Fußball gespielt, aus den Augen verloren und beim Laufen wieder gefunden. Tobias und ich nach dem Lauf.

Bis dahin war dass insgesamt gesehen mal wieder Mittelmaß in Höchstform, doch im Nachhinein betrachtet bedurfte dieses gefühlte Mittelmaß einer sehr großen Anstrengung. Wie bewertet man das dann? Es fällt mir schwer einen Erfolg daraus zu ziehen. Wie auch immer, die letzten Kilometer liefen wie die ersten….meine Pace schwankte wie Schiff auf Hoher See…von 4:16 bis 4:02 war alles dabei. Im Ziel stand auf der Zeittafel 1:23:37 Stunden. Für einen 20 KM-Lauf war das für mich einfach Mittelmaß. Natürlich könnte ich mir vieles schönreden mit dem Wind und weiß nicht was…aber wenn ich den einen oder andern Laufkumpel sehe, der eine persönliche Bestzeit gelaufen ist, dann ist das ein Gefühl wie – „high five…in the face…with a chair“ – Es gibt einfach Dinge bei denen das Mittelmaß unerträglich ist, vor allem wenn viel dafür tut dass es eben kein Mittelmaß werden soll.

Inzwischen kam die Besinnung – Ich nehme mir künftig vor, mich nicht so viel mit anderen zu vergleichen. Denn wenn man vergleicht und gefühlsmäßig schlechter abschneidet entsteht eine Unzufriedenheit und suggeriert einem das Mittelmaß schlecht ist. Wäre ich glücklicher wenn ich besser als andere wäre? Übersehe ich dass – überdurchschnittlich  und  glücklich – nicht zusammenhängt? Ich habe mal gelesen dass überdurchnittliche Menschen sogar unglücklicher sind als andere….Ich besinne mich jetzt auf meine Einzigartigkeit und mein eigenes Potenzial.

…..ich ging in die Halle, zog mich um, und ging zu meiner Frau. Ich nahm sie in den Arm, küsste sie und war glücklich….und dass sogar überdurchschnittlich 🙂 Ich habe doch alles was ich brauche!

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