Es sollte ein tolles Trailrunning Jahr werden, gespickt mit einigen kürzeren und längeren Trailwettbewerben. Doch die hochgesteckten Ziele, wie etwa die Teilnahme an den 100 miles of Istria und die Herausforderung beim Bienwald Backyard Ultra waren plötzlich nicht mehr zu erreichen. Dennoch hatte ich Glück, denn wenigstens konnte ich den JockerTrail in Heidelberg im Februar und Anfang März noch den Trail du Petit Ballon Rouffach laufen. Danach war erstmal Schicht im Schacht, so wie für uns alle. Ich traurig und gleichzeitig wie gelähmt, was jetzt? Wie trainiere ich weiter? Irgendwie hatte es im nachhinein aber auch Gutes für mich. Kein Druck, kein „Stress“ sondern einfach laufen nach Lust und Laune. Mal schnell, mal langsam, mal kurz, mal lang, mal Trail und mal Tempotraining auf Asphalt oder Bahn. Keine Verletzungsgefahr wegen Übertraining, man kann sagen trotz des fehlenden Salz in der Suppe durch die Wettkämpfe fühlte ich mich richtig wohl. Vielen Laufkilometer aber dennoch Entschleunigung!

Gemeinsam mit Buddy „Bart“ bei der Bretten Night52
Überraschenderweise fand der Bretten Night52, ein Ultralauf durch die Kraichgauer Hügel über 52 KM statt. Ein auf 100 Teilnehmer begrenztes Starterfeld durfte Mitte Juli mal wieder Wettkampfluft. Diese Möglichkeit ließ auch ich mir nicht entgehen. Wahrscheinlich zu über motiviert und durch einige andere saudumme Umstände kassierte ich nach 40 Km ein DNF. Mit Waden- und Magenkrämpfen kam ich humpelnd, mit gesenktem Kopf und der Startnummer in der Hand zurück ins Stadion. Ich war im Tal, ganz tief unten und hatte absolut keinen Bock mehr zu laufen oder auch nur irgendwas darüber zu lesen. Eine anschließende Social Media, Strava und WhatsApp Gruppen-Pause bewirkte Wunder. Ich lief wieder und trainierte weiter, halt eben einfach nur für mich, ganz alleine für mich.
Satellite Big Dog´s Backyard World Championchip 2020
Die Tage vergingen und ich fühlte mich immer besser. Das DNF war vergessen und ich hoffte auf irgendwelche reale Läufe die evtl. im Herbst stattfinden würden. Dann passiert es: Es ist der 23.07.2020 um 22:26 Uhr, ich wollte gerade zu Bett gehen, da klingelt mein Handy. Ich fiel fast von der Couch, als ich nach einer knappen halben Stunde das Telefon wieder aus der Hand gelegt hatte. Am anderen Ende ein Golden Ticket Gewinner, einer der letztes Jahr an der Backyard Ultra Weltmeisterschaft in Tennessee teilgenommen hatte. „Laz“ (Garry Cantrell, Race Direktor der Backyard WM) hat sich entschieden, die diesjährige WM aufgrund der Coronabeschränkungen als Satelliten-Event auszutragen. Hierfür dürfen für jedes Teilnehmende Land 15 Läufer/innen an den Start gehen. Verantwortlich für das deutsche Team ist Michael Ohler aus Kandel. Seines Zeichens selbst ambitionierter Ultraläufer und gleichzeitig Veranstalter des Bienwald Backyard Ultra. Lange Rede kurzer Sinn…wie die Jungfrau zum Kinde bekomme ich am 28. Juli die Einladung für das Team Deutschland an der Weltmeisterschaft teilnehmen zu dürfen.

Während ich noch immer kaum fassen kann was da passiert ist, befinde ich mich auch schon mitten in der doch sehr speziellen Vorbereitung auf dieses Event. Nur wie bereitet man sich auf einen solchen Wettkampf im speziellen überhaupt vor? Wieder habe ich Glück, mein Vereinskollge von der LSG Karlsruhe, Harald Menzel, besagter Big Dog´s Backyard Ultra Teilnehmer, konnte mir mit seiner Erfahrung vom Bienwald Backyard und der WM in Tennessee viele Tipps zum Training und dem ganzen organisatorischen Zeugs außen rum geben. Ja, es ist ja alles ein wenig anders bei diesem Laufformat. Auch hier herrschen einfach wieder andere Umstände. Es gibt keinen Startschuss und alle rennen so schnell wie möglich ins Ziel, sondern (Achtung hier die Regeln: Die Athleten müssen immer wieder eine Runde von 6706 Metern (4.167 Meilen) in weniger als einer Stunde zurücklegen. Genau eine Stunde nach dem ersten Start erfolgt der Start für die nächste Runde, für welche die Wettkämpfer wieder maximal eine Stunde Zeit haben. Läufer, die mehr als eine Stunde brauchen oder nicht zur nächsten Runde antreten scheiden aus. Das Rennen ist zu Ende, wenn der letzte Läufer aufgibt oder die Runde nicht mehr in der vorgesehenen Zeit zurücklegen kann) es geht darum, so lange zu laufen bis man nicht mehr kann. Runde um Runde, immer und immer wieder….“one moore loop“!
Im Sommer entschieden meine Frau und ich uns nun doch für eine paar Tage nach Österreich zum Wandern mit unseren Mädels zu verabschiede. Welch ein „Zufall“ dass just am Wochenende des 22.-23. August in Saalbach Hinterglemm das Trail & Skyrace stattfand. Ich ergatterte den letzten Startplatz beim Sky Marathon über 46 KM mit 3500 Höhenmetern. Neben der körperlichen auch ein starke mentale Herausforderung. Bei tollen Bedingungen (bis auf die letzten 10 KM = Regen und Gewitter) und grandiosem Bergpanorama konnte ich nach 9:10 Stunden finishen. Mein Selbstvertrauen war mehr als zurück. Ich war megamäßig happy.

Beim Trail & Skyrace in Saalbach Hinterglemm – 46 KM mit 3500 HM
Neben den vielen „normalen“ Trainingskilometern nutzte ich in den vergangenen Wochen zuletzt zweimal den Vorteil nur 20 Minuten von Kandel entfernt zu wohnen und lief mehre Stunden/Runden sozusagen im Wettkampfmodus auf der original Strecke. Pausen und Verpflegungstest eingeschlossen. Ich hoffe das mir die Erfahrung ein wenig Sicherheit für diese Art zu laufen gibt.
Nun sind es nur noch ein paar Tage bis zur WM und es gibt so viele Fragen :
- Wie schnell laufe ich die Runden?
- Was esse ich?
- Wann trinke ich?
- Nehme ich was mit auf den Weg oder trinke ich lieber in der Pause
- Wie überwinde ich die irgendwann aufkommende Müdigkeit?
- Laufe ich in der Nacht langsamer um in der Pause nicht auszukühlen?
- Laufe ich in der Nacht schneller um ggf. einige Minuten einen Power Nap zu machen?
- Wechsle ich die Schuhe?
Das ist allerdings nur ein ganz kleiner Auszug an Fragen die sich bei so einem Laufformat stellen. Letztlich wird jeder ein wenig anders damit umgehen und es ist wie mit allem, man muss einfach seine eigenen Erfahrungen machen bevor man dann beim 2. Mal schlauer ist. Ich habe mich in den letzten Wochen und Monaten gewissenhaft vorbereitet um dem Wert der Veranstaltung und diesem sehr starken deutschen Team an Ultraläufer/innen gerecht zu werden. Ich bin sehr dankbar mit solch starken Läuferinnen und Läufern (Sparthatlonfinisher, WiBoLT Siegern, UTMB Finisher, Weltrekordlerin im Treppensteigen Golden Ticktet Gewinnern usw.) am Start zu sein und das Team Germany bei der WM unterstützen zu dürfen. Vielleicht wachse ich ja angesichts der Ausstrahlung der Teammitglieder weit über meine subjektiven Grenzen hinaus…..wer weis? Das schöne bei so einem Wettbewerb ist, dass es egal ist ob du nun Profi bist oder „Noob“, jeder kann gewinnen.
Ein Gedanke zu „„In anderen Umständen““