100 Meilen – einmal quer durch Istrien. Die Strecke schlängelt sich vom östlichen Teil Istriens mit Start in der über 3000 Jahre alten Stadt Labin über den höchsten Berg Učka mit einer spektakulären Aussicht auf die Kvarner-Region. Dann geht’s hinunter nach Buzet, bevor der Weg durch kleine Städtchen wie etwa das wundervolle Motovun – der Perle Istriens – führt. Weiter im Westen der Halbinsel, findet die tolle Strecke ihr Ende mit dem Ziel in Umag. Eine herrliche Strecke mit teils sehr technischem Gelände, vielen Hügeln, Wälder und schlammigen Tälern. Istria 100, ein Ultra Trail vom Feinsten mit hoffentlich traumhaften Frühlingstemperaturen, dachte ich mir. Doch dann…
Istria 100, der Begriff, die Region, das Rennen hat sich schon seit Beginn meines Ultraläufer Daseins in einer meiner Gehirnwindungen verhakt. Da will ich unbedingt hin, dieser Herausforderung will ich mich stellen, diesen Ultra Trail will ich irgendwann mal laufen. Im April 2022 wurde mein kleines, langgehegtes Träumchen tatsächlich war, ich stand am Start beim Red Course, also den 100 Meilen quer durch Istrien – über 168 KM und mit ca. 7000 Höhenmetern.
Schon am Mittwoch fahren meinem Herzblatt und ich (ich hab noch Herzflattern dabei) in Richtung Süden. Als wir nach ein paar Stunden die Bergwelt sehen, wechsle ich auf den Beifahrersitz und lass mich von meiner nimmermüden Claudi bis nach Kroatien chauffieren. Das ist sicherer so, denn ich kann meinen Blick nicht von der schönen Landschaft lassen, während meine bessere Hälfte für ihr Leben gerne Auto fährt. Win-win-Situation also.
Wir gönnen uns von Mittwoch bis Montag das 4* Plava Laguna mit HP, in der Vorsaison noch mit moderatem Preis und nur 5 Minuten mit dem Auto von Start/Ziel entfernt. Nach dem Check-in genießen wir noch eine Weile die wärmende Abendsonne bei einem gemütlichen Spaziergang am Strand.







Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fahren wir zur EXPO die Startnummer abholen. Es ist noch wenig los und die Stichprobe der Pflichtausrüstung verläuft ohne Beanstandung. Auf der EXPO halten wir uns nicht allzu lange auf, sondern lassen uns den Rest des Tages bei herrlichem Frühlingswetter durch das kleine Städtchen Umag treiben.
Freitag – Es ist wie immer, trotz einer guten Vorbereitung über 4 Monate gehen mir Gedanken durch den Kopf die ich nicht haben will. Diese verfliegen allerdings schnell wieder, als ich mit einer Schaar an Läuferinnen und Läufern vor der EXPO auf auf die Busse warte, die uns auf die andere Seite der Halbinsel zum Start bringen werden. Gemeinsam mit Christoph der mich in der Menge entdeckt hat, sitze ich im Bus nach Labin. Aus dem geplanten Nickerchen wird natürlich nix, wir quatschen über Gott und die Läuferwelt. Egal, die Zeit verstreicht viel zu schnell und schwupp heißt es aussteigen – wir sind am Ziel…..ähhhh am Start angekommen.
Der Start
Das große TamTam um die Veranstaltung reißt die mittelalterliche Kleinstadt aus ihrem Dornröschenschlaf. Ich verziehe mich in eine Ecke und sammle mich. Es ist zugig, der Wind pfeift durch die engen Gassen. Nach einer gefühlten Ewigkeit geht es dann endlich los. Ich stehe mit Christoph und Anita in der Startaufstellung und die Reise beginnt. Ich denke an meinen Plan und versuche nicht allzuschnell loszulaufen auch wenn es die ersten 5 KM bis nach Rabac zwar holprig aber schön bergab geht.
Und das war es dann auch mit den Frühlingsgefühlen. Leider traf die Wettervorhersage ein und es zog sich zu – ungemütlich, windig doch bislang wenigstens noch trocken.

Schon zu Beginn wird deutlich, dass wird kein einfacher 100 Miler, die Trails sind teils sehr grobschottrig und steinig. Ich bin zu Beginn mit meinen Augen unentwegt auf dem Boden um bloß nicht umzuknicken oder zu stürzen. Bis zur ersten VP in Plomin Luka, sind es 15 KM und die ersten Höhenmeter sind gesammelt. Kurz die Trinkflaschen aufgefüllt und weiter geht´s. Ich habe zwischenzeitlich meinen Rhythmus gefunden und fühle mich sehr gut. Ab hier heißt es jetzt dann aber auch – up hill – es geht so richtig los, die ersten heftigen Anstiege ins Učka-Gebirge gehen von 0 auf knapp 800 Höhenmeter. Das Wetter, erst noch schön, doch ehe wir uns versehen, sehen wir fast nix mehr – Nebelsuppe, stürmisch, und einfach nicht mehr schön.




Mann könnte jetzt jammern aber hilft ja nix – es ist wie es ist – also weiter! Ich laufe in einem 4er Grüppchen, dass macht die Sache ein wenig „leichter“. Nach der Halbmarathonmarke geht es erstmal für längere Zeit bergab auf schönen Trails die sich bis hinab nach MOŠĆENIČKA DRAGA schlängeln. Wieder auf Meeresebene angekommen befindet sich bei KM 34 die zweite VP. Ich fülle auch hier kurz meine Soft Flaks auf, nehme mir ein bissel was vom Essen auf die Hand und ab geht´s in die Nacht bis hinauf zum höchsten Punkt der Strecke – den Gipfel Vojak!
Die Strecke hinauf auf den Gipfel ist in großen Teilen sehr gut zu laufen oder zu hiken. Es gibt dann aber auch einen sehr steilen Abschnitt, bei dem man wirklich alle Viere benötigt um nach oben zu kommen, dazu noch die Dunkelheit und die immer weiter sinkenden Temperaturen. Trotz der Anstrengung ist mir kalt und ich ziehe eine langärmlige Zwischenschicht und die Regenjacke über. Endlich oben auf 1400 Meter an der Radarstation angekommen stürmt es wie der Teufel. Stehenbleiben zwecklos, die tolle Aussicht bleibt einem in der Nacht ohnehin verwehrt. Es ist Mitternacht und ich bin inzwischen 7 Stunden unterwegs. Ich fühle mich gut, habe 47 KM und den vermutlich schwierigsten Anstieg hinter mir, freue mich aber schon auf die nächste VP bei KM 51 in POKLON um mich für kurze Zeit aufzuwärmen.
Einige Minuten im Warmen, ein Kaffee und kurze Gespräche mit total freundlichen Helferinnen und Helfern tun mir sehr gut und geben mir Kraft um die verbleibenden Stunden der Nacht in Angriff zu nehmen. Ich habe mir vorgenommen die Strecke in kleine Abschnitte aufzuteilen, einfach von VP zu VP, meist zwischen 15 und 17 Kilometer. Das hat super funktioniert, ich habe nie das Gefühl – oh Gott noch so weit. So vergeht auch der nächste Abschnitt bis nach BRGUDAC zur VP Nummer 4 ohne Probleme. Die nächsten Kilometer sind ein ständiges auf und ab und ich laufe mich tatsächlich ein wenig in Trance. Mein Kopf sagt schlafen – auf leg dich hin und schlafe – ich habe mein erstes kleines Tief. Vor mir niemand, hinter mir niemand, nur die Dunkelheit, der Lichtkegel der Stirnlampe und ich. Die Zeit vergeht und auf einmal wird mir bewusst, dass ich seit einiger Zeit keine roten Fähnchen mehr sehe, die normalerweise so grob geschätzt alle 50 Meter die Strecke wunderbar markieren – Scheiße! Verlaufen? – Ja, verlaufen! Ein Blick auf die Strecke, die ich mir noch vor dem Lauf auf die Uhr geladen habe, bestätigt meinen Verdacht. Ich Depp! Es lief doch so gut, ich lag gefühlt gut im Rennen und dann so ein blöder Schnitzer. Naja was soll´s ich muss zurück. Am Ende sind es zum Glück nur 1,5 KM in die falsche Richtung. Einmal gepennt und im dunkeln die Abzweigung vom Waldweg auf den Trail verpasst. Jetzt war ich aber wieder voll da und konzentriert.
Langsam vertreibt der Tag die Nacht und die Morgendämmerung macht mir viel Mut. Doch der erhoffte körperliche Schwung kommt einfach nicht. Im Gegenteil, Erschöpfung und Müdigkeit machen sich breit. Ich schaffe es noch bis zur VP bei KM 83. Ich trinke was, esse eine Kleinigkeit und entscheide mich für 15 Minuten Power nap. Zum Glück stehen an jeder VP einige Liegen mit Decken bereit. Dem Sanitäter gebe ich Bescheid, dass er mich bitte in 15 Minuten wieder wecken soll, falls es mich weghaut. Nach gefühlt einer Minute sind die 15 Minuten dann auch schon um. Der freundliche Helfer stupst mich in die Hüfte und ich bin hellwach. Die Zeit war sehr gut investiert. Die Magenschmerzen, die mich seit gut 20 KM plagen und die bleierne Müdigkeit sind wie weggeblasen. Also auf geht´s, noch 16 KM mit tollen aber anspruchsvollen Downhills bis zur großen VP nach Buzet. Das Tageslicht und der kurze Schlaf haben wirklich Wunder bewirkt. Es geht mir gut und ich freue mich den Rest des Tages quer durch Istrien zu laufen.
BUZET – 100 KM und 16 Stunden – glatt! Dazu noch grob 4500 Höhenmeter liegen hinter mir, wie geil! Ich bin absolut happy über das bereits erreichte. Was soll mich jetzt noch aufhalten, die „lausigen“ 68 KM schaff ich noch, egal was kommt. In der örtlichen Sporthalle habe ich meine Dropbag. Ich ziehe mich als erstes kurz um und wechsle auch die Schuhe. Dann geht`s an das Läuferbuffet, es gibt eine tolle Auswahl an Essen von Pasta bis zur Minestrone ist alles da. Ich halte mich gefühlt leider viel zu lange auf, doch im Nachhinein bin ich mir sicher, dass der vorausgegangene Powernap und die Pause mit ordentlich Verpflegung mir beim Finish gut geholfen haben.
Bevor es wieder kalt wird, wird´s erstmal richtig warm

Nun soll eigentlich der Teil der Strecke kommen der deutlich laufbarer ist, meine persönliche Wahrnehmung ist ind diesem Moment allerdings eine andere. Ob das nun an den Temperaturen liegt, die nun plötzlich knapp an der 20 Grad Marke liegen oder den teilweise sehr steinigen „Wegen“, wer weiß. Immerhin bin ich schon lange unterwegs und irgendwann tut auch der kleinste Anstieg weh. Doch ich versuche weiter optimistisch zu bleiben und die Herausforderung als großes Glück zu sehen, dass ich Gesund bin und hier überhaupt laufen kann. Es ist dann mitunter immer ein jammern auf hohem Niveau, dessen bin ich mir bewusst und laufe lächelnd vorbei an dem wunderschönen Butoniga Stausee.

Von der VP am Stausee geht es zunächst ein Stück auf einem Wiesenweg entlang und die Sonne brennt. Danach ein 2 KM langer Anstieg hinauf in das kleine Örtchen Zamask mit gefühlt maximal 10 Häusern. Hier erwartet mich allerdings eine kleine Überraschung, zwei deutschsprechende Frauen stehen vor einem Haus und feuern die vorbeikommenden Läufer und Läuferinnen an. Dazu ein kleines Tischlein mit Wasserbechern…völlig unerwartet, dafür um so cooler. Von hier aus schlängelt sich die Strecke über schöne 15 KM durch die Mirnaebene bis zur nächsten VP nach Livade. Doch bevor es soweit ist, kommt ein absolutes Highlight der Istrien Durchquerung. Das kleine Städtchen Motovun, dessen Geschichte bis zurück in die Römerzeit geht, befindet sich auf einem isolierten Hügel. Natürlich ist die Wahrnehmung nach knapp 130 Kilometern nicht mehr ganz so gut aber dieses Fleckchen Erde ist ein absolutes -must see- in Istrien. So anstrengend der Weg hinauf auch ist, er hat sich definitiv gelohnt.

Das Drehbuch hätte nicht besser geschrieben werden können. Kaum ist Motovun passè und der letzte harte Anstieg nach Ort Oprtalj geschafft ist es vorbei mit der Herrlichkeit. Der vorausgesagte Wetterumschwung kündigt sich bereits mit einsetzendem Regen an. Im Verlauf der nächsten Kilometer kommt starker Wind hinzu und die Temperaturen fallen von knapp 20 Grad auf 2 Grad ab. Es wird richtig fies und ich bin heil froh als ich die Verpflegungsstation in Groznjan bei KM 147 erreiche. Meine Regenjacke hält zum Glück einiges aus und auch ab, dennoch bin ich trotz warmer Zwischenschichten am frieren. Im VP-Zelt gibt es Kaffee und Tee, dazu einen Heizpilz unter dem ich mich kurz aufwärme. Ich will weiter aber es fällt mir unheimlich schwer. Draußen peitscht der Regen und der Sturm, dazu ist es richtig kalt geworden…es sind doch aber nur noch 20 KM… denke ich.
Über den inneren Schweinehund zum inneren Frieden
Ich raffe mich auf und mach mich auf den Weg. Dass einem 20 KM so lange vorkommen können, habe ich mir im Traum nicht gedacht. Ich flätsche innerlich die Zähne und trotze dem Wetter, nein ich lass mir hier und heute den Lohn meiner Anstrengung nicht mehr nehmen, egal was es kostet! Über einen nicht enden wollenden Feldweg und einen schönen Singletrail kämpfe ich mich Kilometer für Kilometer bis zur letzten VP in Buje. Kilometer 155! Es regnet immer noch wie in Strömen und alles ist nur noch ein Kampf gegen den inneren Schweinehund. Wie hat Philipp Reiter mal gesagt, „Über den inneren Schweinehund, zum inneren Frieden!“ Mir tut inzwischen alles weh, obwohl ich schon lange nichts mehr spüre vor lauter Kälte. Ich bin Müde und will auf eine Couch… ins warme….irgendwo … egal!
Nur noch die letzte Etappe von von ca 13 KM, es muss doch jetzt irgendwie zu schaffen sein. Die letzten 13 KM sahen doch so einfach, so flach, so easy peasy auf der Profilbeschreibung aus. Doch was mich da erwartet hat…Freunde ich kann das so nicht wiedergeben, man muss es erlebt haben. Bis kurz vor Umag bestand die Strecke aus einer matschigen Lehmpampe, es war die Hölle. 2 mal hab ich einen Schuh verloren, es fühlt sich an als hätte man an jedem Schuh ein zusätzliches Gewicht von 5 KG. Inzwischen ist es wieder dunkel geworden doch wenigstens hat der Regen nachgelassen. Ich sehe die Lichter von Umag und weiß, ich hab’s geschafft! Wenn mich jetzt nicht noch der Blitz trifft, werde ich meinen ersten 100 Miler finishen.
Finish
Dann endlich, die letzten paar hundert Meter auf Asphalt, einmal links und einmal rechts und dann ist es da, das Stadion. Noch während ich ins Stadionrund über die Tartanban in Richtung Ziel laufe, falle ich innerlich in mir zusammen. Ich habe Tränen in den Augen obwohl ich doch jubeln sollte vor Freude. Nach 27 Stunden und 48 Minuten laufe ich über die Ziellinie und erfülle mir einen Traum. 100 Miles of Istria – ich hab dich! Finish, finish, finish! Was für ein Kampf gegen die Witterung, gegen den teilweise sehr schwierigen Untergrund, die Distanz und nicht zuletzt gegen mich selbst. Ich fühle mich so kaputt wie noch nie, einfach defekt, nicht mehr funktionsfähig und in diesem einen Moment doch so stark, so unsterblich, so übermächtig und am Ende einfach nur glücklich!

Nach einer Nacht im Tiefschlaf genießen wir noch einen weiteren Tag in Umag und genießen die Sonne im Strandlokal bei einem Snack und Zuckerwasser. Die eine oder andere Eisbude hat auch schon offen also nix wie rein mit dem Zeug 🙂


Ein Trauerspiel dass die schönen Tage in Istrien schon wieder vorbei sind und wir am nächsten Morgen die Heimreise antreten. Doch wir verlassen den schönen Ort mit wohligen Gefühl, die paar Tage im Süden am Meer haben uns die Seele gestreichelt und waren auch sprortlich für mich erfolgreich. Es ist einfach toll – WENN DER WEG DAS ZIEL IST –
