Eine Herausforderung, ein Abenteuer ja ein tolles Erlebnis soll es werden – Tuscany Crossing – 100 Meilen im Val d´Orcia. Das Val d’Orcia ist ein Tal in der südlichen Toskana, das für seine atemberaubende Schönheit und seine reiche Geschichte bekannt ist. Das Tal erstreckt sich über eine Fläche von etwa 800 Quadratkilometern und umfasst die Gemeinden Pienza, Montalcino, San Quirico d’Orcia, Castiglione d’Orcia und Radicofani. Es ist geprägt von sanften Hügeln, Zypressenalleen, Olivenhainen und Weinbergen. Das Val d’Orcia ist seit 2004 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. 100 Meilen in einer der schönsten Regionen der Welt zu laufen – was für ein unfassbares Glück aber auch eine Herausforderung für Körper und Geist.
Ich liebe inzwischen das Trailrunning aber auch tolle Landschaftsläufe. Das Tuscany Crossing ist wohl irgendwas dazwischen. Viele Schotterwege, schmale Pfade, SingleTrails, Pflastersteine durch die Ortschaften aber auch 5 -6 Flussdurchquerungen (teils Knietief). Im steiningen Flussbett entlang und sogar auf Bahnschienen führte uns die Strecke. Insgesamt in vielen Teilen laufbar aber auch viel abenteuerlicher und schwieriger als gedacht. Unabhäning von allem aber wunderschön.
Gemeinsam mit meinem Herzblättle Claudi fuhren wir Dienstag auf Mittwoch in der Nacht gen Süden. Ein tolles Ferienhaus in Chianciano Terme ist für ein paar Tage unser Zuhause. Chianciano Terme ist eine kleine Stadt in der Provinz Siena und ca. 30 Minuten Autofahrt vom Start in Castiglione d’Orcia entfernt. Die beiden Tage vor dem Lauf haben wir einfach nur genossen, es war schier unmöglich sich an der wunderschönen Landschaft sattzusehen.












Der Start
Am Freitagnachmittag war´s dann endlich soweit, Startnummer abgeholt, eine Tüte voller leckerer Gaumenfreuden bekommen und die Gewissheit „ich bin doch tatsächlich der einzige deutsche Starter“ auf den 100 Meilen! Der Start ist in in Castiglione d` Orcia. Die Stadt liegt auf einem Hügel und ist von einer mittelalterlichen schönen alten Stadtmauer umgeben. Sie hat eine lange Geschichte und es gibt viele architektonische Schätze zu entdecken, wie zum Beispiel die Kirche Chiesa della Madonna del Cerro aus dem 13. Jahrhundert. 10 Minuten vor dem Start gesellte ich mich mitten rein in eine laut plaudernde und gestikulierende hochmotivierter Italienerinnen und Italiener. Alle knuddeln sich und busseln sich, man hatte das Gefühl hier kennt jeder jeden – ein wenig Volkslaufatmosphäre sozusagen 🙂

17:15 Uhr, es knallte – der Starschuss fiel und wir bewegten uns erstmal bergauf durch die kleine Stadt. Bereits nach einem Kilometer geht´s dann erstmal 6 Km bergab und ich versuche nicht allzu schnell zu laufen. Kräfte gut einteilen ist das A & O. Das klappte natürlich, wie solls anders sein, nur bedingt. Ich lief moderat schob mich aber nach und nach an vielen Läufern vorbei, bis ich auf eine 3er Gruppe stieß, die mein Tempo hatten. Ich genoss die eingekehrte Ruhe und stellte mich mental schon mal auf die bald eintretende Nacht ein.

Die ersten 30 KM liefen wir noch im Hellen und ich konnte die außergewöhnliche Schönheit der Landschaft in vollen Zügen genießen. Nach 3 Stunden waren die ersten 30 KM geschafft und fühlte mich richtig gut. Meine Verpflegung ging noch gut rein und ich hatte richtig Dampf, hielt mich aber bewusst zurück. Als die Nacht hereinbrach war ich nicht traurig, denn die Temperaturen waren mit 19 – 20 C zwar mild aber schon fast wieder ungewohnt warm für mich und so anstehenden einen Husarenritt. Der Himmel war klar und ein toller Sternenhimmel begleitete mich durch die Nacht.






Die Nacht
Nach einem knackigen Anstieg und Kilometer 35 lief durch das Tor der Stadtmauer von Montalcino und steuerte die nächste Verpflegungsstation an. Die Geschichte von Montalcino reicht bis ins 9. Jahrhundert zurück, als die Stadt als Festung gegründet wurde und ist für die Liebhaber der Traube natürlich sehr bekannt für die herausragenden Weine. Die tolle Aussicht, welche man tagsüber von hier oben aus genießen kann, blieb mir in der Nacht leider verwehrt. An der VP angekommen ging wie immer alles ganz schnell, leere Softflask mit Tailwind und einem Aerobee-Gel füllen, Wasser dazu, das Ganze 2 mal und weiter gings. Der Coach sagte „keep moving“ also immer in Bewegung bleiben. Keine unnötige Zeit an den VP´s liegen lassen. Bislang lief das wunderbar….bislang!
11 Kilometer bis zur nächsten VP sind es! So habe ich mir das Rennen eingeteilt in 14 Abschnitte, immer von VP zu VP denken, nie das große Ganze sondern immer nur die nächsten 10 – 14 KM. Mir hilft das mental sehr. Wenn man losläuft und denkt „leck mich am Arsch, jetzt musst du 100 Meilen laufen“, ist das schwierig aber wenn man sich kleine Ziele setzt, kann man sein Hirn mit etwas an der Nase herumführen ;-). Nun ja, ich kam als nächstes bei KM 46 in Castelnuovo dell’Abate an . Wie so üblich in der Toskana liegt auch diese Ortschaft – „Neue Burg des Abts“ – auf einem Hügel. Das gleiche Spiel, ich kam an der VP an und rüstete wieder auf bevor es weiter ging. Ich quatschte kurz mit einem netten Helfer an der VP auf englisch. Er bemerkte dass ich eigentlich deutsch spreche und sprach mich kurzum auf deutsch an. Cool…er war viele Jahre beruflich in Deutschland und hatte das gleich erkannt. Wir sprachen kurz miteinander und er beglückwünscht mich zur tollen Leistung bis hier hin. Während ich mich dafür bedankte bemerkte er beiläufig, „gib gas…es sind erst 4 Leute vor dir durch, du bist Platz 5!“ Mir blieb fast das Herz stehen aber ich war entzückt, klatschte ab und lief weiter.
Gut im Rennen
Krass! Platz 5, dachte ich mir auf den nächsten Kilometern durch die Nacht. Ich konnte es kaum fassen. Mein Körper fühlte sich gut an, mental voll auf der Höhe und Platz 5. Ich war aber realistisch und wusste dass, dieses Gefühl nicht bis zum Ende bleiben wird. „Lass laufen, wenn´s läuft,“ sagte schon Peter Greif in seinen Marathon-Trainingsplänen. Also gesagt getan. Es war 0:30 Uhr und nach knapp 60 Kilometer mit ca. 2000 Höhenmetern und und etwas über 7 Stunden Laufzeit, hatte ich die erste Schleife hinter mir und kam an der Life Base in Castiglione d´ Orcia an. Nach einiger Suche nach meinem Drop-Bag (die Nummer war abgerissen) konnte ich endlich meine Verpflegung auffüllen. Paar Gels und Riegel, dann noch schnell eine Brühe von der VP reingelöffelt, einmal kurz durchatmen und weiter ging´s.
Was wohl die nächsten 100 KM und der angekündigte warme Tag bringen würden, dachte ich noch so, doch dass sich noch vor dem Sonnenaufgang „Dramen“ abspielen würden, daran dachte ich nicht im Traum. Zunächst ging´s mal wieder bergab und die nächste Flussdurchquerung stand an. Da die 54 Kilometer-Wanderer um 0:00 Uhr gestartet waren, kam es an der Flussüberquerung zu einem leichten Stau. Die meisten zogen Schuhe und Strümpfe aus und quälten sich steinepicksenderweise durch das Flussbett. Ich ließ meine Schuhe bei den Flussdurchquerungen immer an. Gerechnet hatte ich mit 2 Flussdurchquerungen, dass die Füße aber viel öfter nass wurden hatte ich so nicht auf dem Schirm. Kaum war der Fiume Orica das erstemal durchquert nahm das Schicksal seinen Lauf.
Das Drama beginnt
Mein Magen machte sich aus heiterem Himmel oder eher Sternenhimmel plötzlich bemerkbar. Das ging los mit einem leichten Druck und verstärkte sich bis zur VP bei Kilometer 70 in San Quirico d´Orcia zu einem „kotzübel“. Für dieses nächste charmante, malerische Dorf, dass unter anderem für sein hervorragendes Wildschweinragout und den tollen Wein Brunello di Montalcino bekannt ist, hatte ich überhaupt kein Auge. Auf dem Weg nach oben – übrigens liegen all die tollen Ortschaften auf einem „Hügel“ – hatte ich mich schon das erstmal erleichtert. Zwei nahe beieinanderstehende Bäume boten mir den nötigen Halt. Eine Gruppe von Wanderern kamen zu mir und fragten nach ob alles ok ist. Ich nickte und gab das Daumen hoch Zeichen, war natürlich nicht so. An der VP angekommen erstmal hinsetzen und runterkommen. Essen konnte ich nix und auch mein Kohlenhydratgetränk bekam ich nicht mehr rein. Einzig Wasser ging irgendwie – egal weiter – erstmal paar Schritte gehen und dann schauen wir mal – Keep moving – hatte der der Coach gesagt!
Pienza, die Stadt der Päpste! Mehr schlecht als recht hatte ich mich bis zur nächsten Verpflegungsstelle bei KM 80 durchgebissen. Weitere 2 mal musste ich meinen Magen entleeren. Als ich hinter der VP auf eine Bank zusammengekauert vor mich hin sinnierte und einfach nicht mehr weiter wusste, hätte mir auch der Papst Pius II der den Ort im 15. Jahrhundert gegründete, nicht mehr weiterhelfen können. Völlig leer, ausgebrannt und ohne Plan wie ich das hier zu Ende bringen könnte blickte ich in die wolkenlose Nacht. Neben mir saß ein Italiener der sich von einem Helfer den Shuttlebus hatte rufen lassen. Für ihn war hier Schluss, er hatte die selben Probleme wie ich. Seine Essensreste waren in einer Ecke noch gut zu erkennen. Der Bus kam während ich mich langsam wieder erhob und mit weichen Knien hinter der Verpflegungsstelle hervorkroch. Der andere Läufer stieg in den warmen Bus ein und lies einen lauten Seufzer der Erleichterung. Ich gebe es zu, es war ein wimpernschlag der mich davon abgehalten hatte ebenfalls in den Bus einzusteigen und das Rennen hier und jetzt zu beenden. Mir gings hundeelend. Müde, erschöpft, keine Power mehr und mein Magen fühlte sich an wie eine Waschmaschine.
Motivation! – Warum bin ich hier?
Ich besann mich warum ich eigentlich hier war…ich bin gesund, ich habe trainiert, ich bin mental gewachsen und warum zum Henker hab ich mir nur den Finisher Hoodie schon vorher gekauft. Ich möchte dieses Rennen finishen, ein Western States Qualifikationsrennen, UTMB Punkte einsammeln und vor allem möchte ich es für mich tun, ich will ein Erlebnis, ja ein wenig Abenteuer mit nach Hause nehmen und dieses wunderschöne Val d´Orcia nochmal bei Tag erleben.

Zwischen Monticiello KM 88 und der VP in Gallina bei KM 104 wurde es endlich hell. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Ein weiteres Mal musste eine Wiese meinen Dünger aufnehmen und ein weiteres Mal war ich am Rand eines D.N.F. – doch ich hab´s überstanden. Mit der Helligkeit kam dann aber neue Energie. An der VP konnte ich erstmals wieder was essen. Ein wenig Pasta mit Tomatensoße – Klassiker halt – ich hatte einfach Bock drauf. Es tat gut und gab mir neue Kraft und wieder den Willen das Tuscany Crossing zu finishen. Ein Blick auf die Uhr – 104 KM – 14:30 Stunden und 3.100 Höhenmeter lagen hinter mir. Trotz vieler Unterbrechungen und Selbstzweifeln war ich gar nicht so schlecht im Rennen.
Immer wieder Flussdurchquerungen
Es wurde nun relativ schnell warm, Temperaturen bis 23 Grad waren angekündigt und der schwierigste Teil des Rennes stand mir ja noch bevor – der Vivo d´Orcia – der höchste Berg im Rennen. Überhaupt wurde das Rennen gegen Ende hin vom Profil und er Wegbeschaffenheit eher schwieriger. Aber was solls, ich blieb bei meiner Taktik, von VP zu VP!


Meine 2 paar Wechselsocken waren zwischenzeitlich verbraucht aber die Flussquerungen hörten nicht auf :-). Zwei Blasen spürte ich inzwischen aber die Schmerzen hielten sich in Grenzen und ich lief weiter so gut es ging. Mein Magen hatte sich zwar wieder etwas beruhigt aber völlig in Ordnung war da gar nix. Was mir gut geholfen hat, war Brot. Brot beträufelt mit Olivenöl und Salz. Ein wunderbarer Snack, dazu leider keinen Wein sondern 2 Becher Cola. Das hat mir am Ende auf deutsch gesagt den Arsch gerettet!
Die beiden letzten VP´s hatte ich noch ausreichend mitgenommen und meine Softflasks mit Wasser aufgefüllt. Die Temperaturen hatten mir nun auch ordentlich zu schaffen gemacht und die immer wiederkehrenden kleinen Fluss- und Bachdurchquerungen, hatten zwar für eine kurze Abkühlung der Füße und Beine gesorgt aber die Birne, wenn auch unterm Bucket Hat, war mehr als aufgeheizt.
Das Ziel ist nahe – Geschafft!
Noch 10 KM bis Castiglione d´Orcia. Das Ziel so greifbar nahe und doch noch so weit weg. Einige Höhenmeter waren auch noch zu überwinden. Das das Ziel auf dem Berg liegt hatte ich bei meinen bisherigen Läufen so auch noch nie. Dann, doch dann war ich endlich oben! Ein unglaubliches Gefühl überkam mich. Ich erinnerte mich zurück in die Nacht, als ich kurz davor war aufzugeben und dann das. Ich hatte es tatsächlich geschafft, ich lief noch die letzten paar hundert Meter durch die engen Gassen der kleinen Stadt und ließ mich von den Zurufen der Zuschauer „Grande“…“Complimenti“ entlang der Strecke bis ins Ziel tragen. In der letzten Kurve stand auch schon mein Herzblättle Claudi, da wusste ich – „ich bin daheim“!

Nach 25 Stunden 54 Minuten und 5.800 Höhenmetern lief ich glücklich wie noch nie auf Platz 12 über die Ziellinie des Tuscany Crossing 100 Miglia – Ich lief „The Tuscany Dream“! Ich bin so glücklich, dass ich gesund und in der Lage bin 100 Meilen durch eine der schönsten Regionen der Welt zu laufen. Dass am Ende sogar noch eine tolle Platzierung herauskam ist unfassbar für mich, war ich doch mehrmals näher an einen D.N.F. als an einem Finish. Jetzt darf ich zum Glück auch meinen Tuscany Crossing Hoodie anziehen und zwar mit mächtig viel Stolz in der Brust 🙂 Eine Herausforderung, ein Abenteuer, ja ein tolles Erlebnis darf ich mit nach Hause nehmen und werde diese Reise über die „sanften“ Hügel der der Toskana wohl nie mehr vergessen. Es ist so wunderbar – Wenn der Weg das Ziel ist!
