Als leidenschaftlicher Ultraläufer fühle ich mich vom Backyard Ultra seit meinem Debüt bei der Satellite WM 2020 irgendwie magisch angezogen. Dieser einzigartige Wettkampf verkörpert die Essenz des Ultralaufens und stellt eine extreme mentale und körperliche Herausforderung dar. In diesem Beitrag möchte ich nochmals über die Faszination dieses außergewöhnlichen Laufevents schreiben, das Streben nach persönlichen Bestleistungen sowie die der Gratwanderung zwischen Spaß und Verbissenheit.
Die Herausforderung des Backyard Ultra
Der Backyard Ultra ist eine Laufveranstaltung wie keine andere. Hier geht es nicht darum, eine vorgegebene Distanz zu bewältigen, sondern um das Durchhalten, so lange es nur geht. Er ist nicht nur eine körperliche Herausforderung, sondern vor allem eine mentale Schlacht. Während der Stunden und Runden, in denen man ermüdet und der Körper irgendwann so sehr schmerzt, sind es die eigenen Gedanken, die den am Ende meist den Unterschied machen. Es ist ein ständiger Kampf gegen den inneren Schweinehund und der Zweifel, die das Läuferhirn befallen wollen.
Das Streben nach Bestleistungen und der Wille, immer weiter zu laufen, setzen eine enorme Entschlossenheit voraus. Man muss den inneren Schweinehund zum Schweigen bringen und sich auf das Wesentliche konzentrieren: Schritt für Schritt vorankommen und jede Runde als einzigartige Herausforderung annehmen.
Leidenschaft und Enthusiasmus
Leidenschaft und Enthusiasmus sind die Grundbausteine eines jeden Ultraläufers. Die Leidenschaft für das Laufen treibt uns alle an, unsere Ziele zu erreichen und neue Herausforderungen zu suchen. Es ist diese tiefe Verbundenheit mit dem Sport, die uns antreibt, früh morgens aufzustehen oder am Abend nach getaner Arbeit (manchmal auch beides) unser Training mit Freude anzugehen, unabhängig von den äußeren Bedingungen.
Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg ist der Enthusiasmus, der uns antreibt, uns immer wieder zu verbessern und unsere Grenzen zu verschieben. Die Begeisterung für das Training und die Rennen lässt uns das Unmögliche erreichen und hilft uns, die schwierigen Zeiten zu überstehen. Es ist diese Kombination aus Leidenschaft und Enthusiasmus, die uns die Energie gibt, jeden Schritt auf dem Weg zu genießen.
Die Gefahr der einseitigen Fokussierung
Trotz all der positiven Eigenschaften der Leidenschaft und des Enthusiasmus die bzw. ein Backyard Ultra so mit sich bringt besteht die Gefahr, dass man sich zu sehr auf das auf diese eine Facette des Ultralaufs fokussiert und andere Möglichkeiten vernachlässigt. Auch die insgesamt einseitige Hingabe an den Sport kann dazu führen, dass man seine sozialen Beziehungen außerhalb der Laufens, andere persönlichen Interessen und vielleicht sogar beruflichen Verpflichtungen vernachlässigt. Es ist wichtig, eine gesunde Balance zu finden und zu akzeptieren, dass das Ultralaufen zwar ein Teil unseres Lebens ist, aber nicht unser gesamtes Leben ausmachen sollte.
Die Kehrseite der Leidenschaft
Leidenschaft und Enthusiasmus können uns zu Höchstleistungen antreiben, aber sie können auch eine Kehrseite haben. Die unerschütterliche Hingabe an das Training und die Backyard Veranstaltungen kann neben Übertraining, Verletzungen und vielleicht sogar zu einem Lauf-Burnout führen. Ich selbst bin nun schon mehrmals nach einem Backyard in ein mentales Loch gefallen. Das „zu frühe“ D.N.F., egal wie lange ich gelaufen bin, nagt jedes mal an mir. Es dauert dann immer eine Weile bis ich den Spass am Laufen wieder habe. Kopfsache halt!
Die Gratwanderung zwischen Spaß und Verbissenheit
Einer der faszinierendsten Aspekte des Backyard Ultra ist für mich die Gratwanderung zwischen Spaß und Verbissenheit. Einerseits gibt es eine ungeheure Freude darin, an einem solchen Event teilzunehmen, die Gemeinschaft von gleichgesinnten Läufern zu erleben und sich der Herausforderung einer neuen Bestleistung zu stellen. Jede Runde bringt einem ein Gefühl der Erfüllung und Stärke mit sich, das unbeschreiblich ist.
Andererseits besteht aber die Gefahr, dass man sich zu sehr in den Ehrgeiz verrennt und die eigentliche Freude am Laufen aus den Augen verliert. Der Drang, immer weiterzulaufen und das Ziel, die nächste Runde zu überstehen, können zu einer einseitigen Fokussierung führen. Es ist wichtig, den Spaß am Laufen zu bewahren und sich bewusst zu machen, dass der Backyard Ultra in erster Linie eine Herausforderung ist, die wir mit Leidenschaft und Begeisterung angehen sollten um am Ende auch langfristig Freude am Ultralaufen zu haben.
Backyard Masters in Rettert
Meine Motivation und mein Ehrgeiz für dieses Laufformat blieb nicht unentdeckt. Ich bin beileibe nicht der Einzige und schon gar nicht der Beste, nicht mal in Deutschland! Doch mit zwischenzeitlich 9 Backyard Ultras in zweieinhalb Jahren kann man schon ein wenig die Richtung erkennen 🙂 Alex Holl hat mir einen kleinen Traum erfüllt und mir dieses Jahr im Mai die Teilnahme bei den Backyard Masters ermöglicht. Ein kleiner Ritterschlag für mich. Mit dem Blick auf die Starterliste war klar, dass ich im großen Ganzen die kleinste Kerze auf der Torte war. Die Motivation war dafür um so größer.

Lazarus Lake
Als dann noch die Nachricht kam dass Laz himself und seine Frau nach Rettert kommen ging die Gänsehaut schon Wochen vorher nicht mehr weg. Dieser legendäre Mann aus der Ultralauf-Community hat einige der härtesten und ikonischsten Ultramarathon-Veranstaltungen der Welt ins Leben gerufen. Einer seiner bekanntesten Wettbewerbe ist der „Barkley Marathon“, der als einer der schwierigsten und mysteriösesten Ultramarathons gilt. Ein weiteres von Lazarus Lake ins Leben gerufenes Rennen ist der „Backyard Ultra“. Die Einzelheiten hierzu dürften den Leserinnen und Lesern dieses Blogs weitgehend bekannt sein 🙂 Laz ist bekannt für seinen eigenwilligen und humorvollen Charakter. Er verleiht seinen Veranstaltungen wirkliche eine besondere Atmosphäre, welche ich für einige Stunden miterleben durfte. Diese Rennen von Ihm sind mehr als nur Wettbewerbe – sie sind ultimative Herausforderungen, die die Teilnehmer physisch und mental an ihre Grenzen bringen. Er hat die Welt des Ultralaufens maßgeblich geprägt und inspiriert unzählige Läufer, sich auf außergewöhnliche Abenteuer einzulassen. Er und seine Veranstaltungen haben Kultstatus erreicht und ziehen jedes Jahr viele mutige Läufer an, die bereit sind, sich den extremen Herausforderungen zu stellen, die er geschaffen hat. In Rettert dann neben Ihm zu stehen erschien mir im Vorfeld als so unwirklich, so als stünde man beim Bruce Springsteen-Konzert in der ersten Reihe oder gar mit auf der Bühne.

Weit entfernt von den gesteckten Zielen und dennoch eine Bereicherung
All die Einzelheiten meiner 18 Stunden / Runden mit gut 120 KM will ich euch ersparen. Am Ende war es wieder einmal die Summe aus mehreren Dingen die mich zur Aufgabe zwangen. Der größte Fehler war leider wieder die Ernährung , welcher mir am Ende den Kreislauf zum Einsturz und ein Weiterlaufen unmöglich machte. Das Foto mit Laz wollte ich mir unbedingt zum Schluss aufheben und mit ihm und in die Höhe gestreckten Arme eine eine neue PB verkünden. Daraus wurde leider nichts. Ein Foto für die Ewigkeit ja doch definitiv mit anderen Gedanken dazu.


Mentale Erschöpfung
Einige Tage und Wochen danach war ich ziemlich erschöpft, körperlich aber vor allen Dingen mental. Ich hatte keine Lust mehr auf Laufen, geschweige denn auf lange oder sehr Läufe. Also Druck raus, Wettkämpfe absagen und auf den Herbst konzentrieren. Die mentale Erschöpfung ist eine der herausforderndsten und prägenden Aspekte dieses Sports und auch im normalen Leben.
Während eines Backyards oder eines Ultralaufs im allgemeinen erleben wir Läufer viele Höhen und Tiefen, körperliche Anstrengung und Momente der Euphorie. Die ersten Stunden eines Rennens sind oft von Energie und Begeisterung geprägt, aber je länger das Rennen dauert, desto mehr setzt die mentale Erschöpfung ein. Es ist, als ob der Verstand gegen den Körper kämpft – die Beine könnten weitermachen, aber der Kopf sagt uns, dass wir nicht mehr können.
Negative Gedanken und Selbstzweifel
Sie tauchen auf und lassen einen daran zweifeln ob man das Rennen überhaupt beenden kann. Manchmal kommt es zu einer Art „Tunnelblick“, bei dem man sich nur noch auf das Leiden und die Müdigkeit konzentriert und die schönen Aspekte des Laufens ausblendet. Die geringste Hürde kann sich wie eine unüberwindbare Barriere anfühlen.
Dennoch ist die mentale Erschöpfung ein Beweis dafür, wie intensiv wir uns mit unseren eigenen Grenzen auseinandersetzen und wie sehr wir uns selbst herausfordern. Es ist wohl eine natürliche Reaktion auf die enormen Belastungen, denen wir uns freiwillig aussetzen. Um damit umzugehen, ist es entscheidend, mentale Strategien zu entwickeln. Eine positive innere Einstellung, die bewusste Kontrolle der Gedanken und die Fokussierung auf kleine Ziele können enorm hilfreich sein, um sich von negativen Gedankenspiralen zu befreien. Die Unterstützung durch das Umfeld, das uns ermutigt und motiviert, kann ebenfalls einen großen Unterschied machen.
Selbstreflexion nach dem Rennen
Oftmals sind es gerade die Momente der mentalen Erschöpfung, die uns besonders wertvolle Lektionen über uns selbst und unsere Stärke lehren. Wir lernen, dass wir viel mehr bewältigen können, als wir ursprünglich dachten, und dass unser Verstand eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung von Herausforderungen spielt.
Die mentale Erschöpfung ist ein Bestandteil des Ultralaufens, und sie ist es, die uns daran erinnert, dass wir uns auf einer Reise der persönlichen Entwicklung befinden. Sie zeigt uns, dass wir nicht nur unsere körperliche Ausdauer, sondern auch unsere mentale Stärke ständig verbessern können. Und es ist diese mentale Stärke, die uns antreibt, uns immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen und unsere eigenen Grenzen zu überwinden.
Der Backyard Ultra ist eine Reise, die uns nicht nur körperlich, sondern vor allem auch mental fordert und uns lehrt, dass die wahre Herausforderung darin besteht, unsere Grenzen zu überwinden und unser Bestes zu geben – doch am Besten natürlich immer mit einem Lächeln auf den Lippen 🙂
Wenn der Weg das Ziel ist…
….dann bedeutet es, dass der Prozess und die Erfahrungen, die wir auf unserem Weg machen, genauso wichtig sind wie das endgültige Ziel, das wir erreichen wollen. Es ist die Erkenntnis, dass das Ziel selbst nur ein weiterer Moment in unserer Reise ist, während der Weg dorthin uns unzählige wertvolle Lektionen lehrt und uns prägt.
