Vom Sonnenaufgang zum Finisherbier – Lake Züri 100

Es gibt diese Tage, an denen man schon beim Aufstehen ahnt, dass sie länger werden könnten als geplant. Der 28. März 2026 war so ein Tag. 6 Uhr morgens, irgendwo zwischen Vorfreude, Müdigkeit und der leisen Frage „Warum genau mache ich das eigentlich?“ stehen wir am Start des Lake Züri 100. Neben mir: Patrick. Freund, Laufpartner, und an diesem Tag vermutlich auch mein persönlicher Lebensretter.
Und irgendwo zwischen Stirnlampe und Startlinie liegt diese besondere Mischung aus Nervosität und kindlicher Vorfreude. Man weiß, es wird weh tun – aber man weiß auch, dass genau darin der Zauber liegt. Vielleicht sind es genau diese Momente, in denen man sich selbst ein kleines bisschen näher kommt.

6 Uhr – Start des Lake Züri 100

Albis Crest – Kilometer 0 bis 24
Der Start? Direkt bergauf. Natürlich. Als hätte der Tag keine Zeit zu verlieren, zwingt er uns sofort zur Ehrlichkeit. Doch der Sonnenaufgang entschädigt für alles. Goldenes Licht, frische Luft, und dieses Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein – auch wenn dieses „Größere“ gerade bedeutet, dass die Oberschenkel brennen.
Patrick und ich babbeln uns durch die ersten Kilometer, als hätten wir einen Podcast gestartet. Die Zeit verfliegt. Neuschnee knirscht unter den Schuhen, das Panorama ist kitschig schön, und irgendwo zwischen Atemzügen und Gel-Packungen denkt man: Genau dafür bin ich hier.
Und während wir laufen, merke ich plötzlich: Geschwindigkeit ist heute zweitrangig. Es geht mehr um das Erleben als um das schnelle Ankommen. Und vielleicht ist genau das der größte Luxus, den man sich selbst schenken kann.

Traumhafter Sonnenaufgang mit Blick auf den Zürichsee

Twin Peaks – Kilometer 24 bis 55
Es läuft. Wirklich. Wir essen regelmäßig, halten uns bewusst zurück – ein seltenes Zeichen von Vernunft. Unterwegs treffen wir Christian und Jette von RabbitFuel, wir kennen uns, kurzer Austausch, ein paar Worte, die in dieser Welt sofort verbinden.
VP Sihlmatt bei Kilometer 30 eine kurze Pause – alles noch gut. Noch.
Dann kommen die Twin Peaks. Und mit ihnen die Erkenntnis, dass Neuschnee zwar romantisch aussieht, aber auch ein ziemlich effizienter Energieräuber ist. Verlaufen? Unmöglich. Vorankommen? Dafür umso schwerer. Jeder Schritt ein kleiner Kampf, jeder Höhenmeter ein stilles Abkommen mit sich selbst.
Man beginnt, in kleineren Einheiten zu denken: bis zum nächsten Baum, zur nächsten Kurve. Der Kopf wird leiser, der Körper lauter. Und irgendwo dazwischen entsteht diese eigentümliche Ruhe, die man nur auf langen Trails findet.

Etzel, Downhill und der berüchtigte Hosenboden
Die Verpflegungsstation bei Kilometer 55 auf dem Etzel fühlt sich an wie ein kleiner Sieg. Doch was hochgeht, muss bekanntlich auch wieder runter – und dieser Downhill hat es in sich. Vereiste Treppen, rutschiger Schnee, und plötzlich sitzen mehr Läufer als geplant auf ihrem Hosenboden. Auch wir bleiben nicht ganz verschont. Stilpunkte? Eher nicht. Spaß? Irgendwie schon.
Es sind diese Momente, in denen man merkt: Perfektion ist hier völlig fehl am Platz. Wer nicht lacht, hat schon verloren. Und ein bisschen Demut schadet auf glattem Untergrund sowieso nie.

Unten angekommen: einmal durchschnaufen, dann über den Holzsteg – der „Speedway“. Ein fast surrealer Abschnitt über den See, bevor wir bei Kilometer 64 die Boulder-Verpflegung erreichen. Schuhe und Socken wechseln, Patricks Steffi versorgt uns, durchatmen, kurz so tun, als wäre alles ganz entspannt.
Diese kurzen Stopps haben etwas Meditatives. Für ein paar Minuten gehört die Welt nur der warmen Suppe und den müden Beinen. Und dann zieht es uns doch wieder raus – zurück auf die Strecke, zurück ins Abenteuer.

Mount Pfanne – und der Tiefpunkt
Dann kommt er: der Mount Pfanne Climb. Und mit ihm meine persönliche Krise. Fast drei Stunden lang spielt mein Magen sein eigenes Rennen – leider gegen mich. Kurz vor dem Knockout.
Hier zeigt sich, was diesen Sport wirklich ausmacht: Patrick. Kartoffeln, Elotrans, Zuspruch. Keine großen Worte, aber genau die richtigen. Ich rette mich bis zur Verpflegungsstation Pfannstiel bei Kilometer 84. Langsam wird es besser. Langsam.
In solchen Momenten schrumpft die Welt auf das Wesentliche. Ein Schritt, ein Atemzug, ein Weiter. Und man versteht plötzlich, dass Stärke oft nichts anderes ist als nicht stehen zu bleiben.

VP Pfannenstiel – Magenprobleme, Regen, Kälte aber weiter geht´s

Regen, Kälte und „It hurts so good“
Mittlerweile hat der Regen eingesetzt. Es ist kühl, unangenehm – eigentlich perfektes Wetter, um aufzuhören. Tun wir aber nicht. Gemeinsam trotzen wir den Bedingungen. Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer. Es tut weh, aber auf eine seltsam ehrliche Art. So, als würde der Körper sagen: „Jetzt bist du wirklich da.“
Der Regen wäscht alles Überflüssige weg. Übrig bleiben Wille, Rhythmus und dieses leise Vertrauen, dass es irgendwie weitergeht. Und genau darin liegt auch eine gewisse Schönheit.

Zurück in Zürich – der letzte Abschnitt
Dann endlich: Zürich. Die City-Etappe. Regen im Gesicht, aber im Kopf nur noch ein Gedanke – gleich ist es geschafft. Noch ein letzter kurzer Anstieg, fühlt sich an wie ein schlechter Witz, aber wir grinsen trotzdem, denn das Ziel ist nah.
Die Schritte werden leichter, obwohl die Beine schwer sind. Das Ziel zieht uns magisch an. Und plötzlich merkt man: Wie immer war der Weg die ganze Zeit das eigentliche Ziel.

Und dann: Ziel.
14 Stunden und 9 Minuten. Platz 63 gesamt, Platz 5 in der Altersklasse. Zahlen, die schön sind – aber eigentlich nur Randnotizen.
Was wirklich bleibt, sind die Menschen: Ein riesiges Dankeschön an unsere Frauen Steffi und Claudi für den unglaublichen Support und diesen besonderen Empfang im Ziel – besser kann man nicht ankommen. Ebenso ein großes Dankeschön an das gesamte Veranstalterteam rund um Carsten Drilling sowie an alle Helferinnen und Helfer an den Verpflegungsstationen, die diesen Tag mit so viel Herzblut möglich gemacht haben.

Patrick und ich – zum 2. Mal haben wir beide den Lake Züri 100 gefinisht

Was bleibt, ist dieses Gefühl. Die Umarmung im Ziel. Die Gewissheit, eine schwere Phase überstanden zu haben. Nicht allein, sondern gemeinsam. Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit dieses Sports: Es geht nie nur ums Laufen. Es geht um Freundschaft, um Vertrauen, um die Fähigkeit, weiterzugehen, wenn es eigentlich keinen guten Grund mehr dafür gibt – außerdem, dass man es sich selbst versprochen hat.

Dusche. Spaghetti. Finisherbier.
Und irgendwo zwischen dem ersten Schluck und dem müden Lächeln denke ich:
Ja, warum mache ich das eigentlich?

Weil genau solche Tage alles ein kleines bisschen klarer machen.

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