Backyard Ultra – Wenn der Weg das Ziel ist

Hier ist der Name Programm – Backyard Ultra oder wenn der Weg das Ziel ist. Bislang ging es immer darum, wer ist der oder die schnellste. Das ist zwar weitläufig immer noch Fakt, doch Achtung da ist es, dieses Format, dass auch den gemächlichen aber ausdauernden unter der Läuferschaft die Chance auf den Sieg gibt! Mich hat dieses Laufformat sofort gepackt!

Backyard Ultra – World Team Championship – 2022

Was hab ich gelitten, gehofft, gebangt, resigniert und fals schon aufgegeben, doch dann kam alles anders und ich war dabei.

Ich beginne direkt mal sehr emotional. Alex Holl, Backyard Racedirektor, hält die interressierte Läuferschaft gerne mit Facebookvideos auf dem Laufenden. So auch dieses mal bei der Backyard World Team Championship 2022, die für das deutsche Team nun schon zum 2. Mal in Kandel stattgefunden hat. Wieder mal geht er live um die Welt an der Backyard-Dramaturgie teilhaben zu lassen. Es ist der Moment in dem ich gerade versuche meine 30igste Runde zu beenden, doch die Uhr tickt….seht selber….”90 Seconds left!”

Doch nun von vorne – Bereits zum 2. Mal triftt sich die Elite der deutschen Backyardläufer und Läuferinnen in Kandel zur World Team Championship, 15 an der Zahl. Das Prozedere kenne ich inzwischen und bin relativ relaxed vor dem Start. Einige der Teilnehmer kenne ich schon aus der Backyardszene und es herrscht eine lässig, lockere Stimmung. Das Zelt hatte ich mit mit meinem Herzblättle schon am Tag zuvor aufgebaut, also alles sehr entspannt. Für mich ist wichtig dass der ganze Kram den man da dabei hat (und das ist echt viel) seine Ordnung hat, damit man selbst oder der Betreuer/in sofern man jemanden dabei hat alles findet was man dann eben in dem Moment benötigt. Alles darf passieren aber bitte kein Stress in den Pausen. Deshalb bekommt vor dem Start alles seinen Platz. Klamotten hier, Ersatzschuhe da – Vom Kaffelöffel bis zur Regenjacke hat alles seinen Platz.

Insgesamt sind dieses Jahr 37 Nationen am Start und laufen zeitgleich im jeweiligen Land los. Die Favoriten wie USA, Belgien und Australien aber auch die Ukraine, Malta oder Pakistan sind mit Ihren Mannschaften am Start. Es fühlt sich toll an ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

Nach einem kurzen Briefing und den obligatorenen Fotos geht es dann auch endlich los. Es ist 14 Uhr und Alex läutet zum ersten mal die Glocke zum Start. Wir gehen auf die erste Runde, alle sind noch fit und guten Mutes. Normalerweise passiert in den ersten Stunden recht wenig, man dreht seine Runden im gemächlichen Tempo und quatscht viel mit andern Läufern. Die Zeit vergeht zu Beginn sehr langsam und man braucht wirklich einen langen Atem. Auf der anderen Seite ist es doch genau das, was diese Gemeinschaft auszeichnet, wann hat man denn mal die Möglichkeit mit andern Läuferinnen und Läufern während des Wettbewerbs über Gott und die Welt zu quatschen.

Die erste Nacht

Nach einigen Stunden wird es dunkel und es geht in die erste Nacht. Bei mir läuft es gut und ich habe keine Probleme durch die erste Nacht zu laufen. Die Müdigkeit ist noch kein Thema, doch der eine oder andere Power Nap hilft Hirn und Körper eine kurze später hilfreiche Auszeit zu nehmen. Leider verlieren wir in der Nacht 2 Läufer und sind im Morgengrauen nur noch mit 13 “Mann” am Start. Für eine Top Platzierung benötigt man am Besten alle 15 für gaaaanz lange Zeit, doch jeder und jede die dabei ist gibt sein oder ihr Bestes was an diesem Wochenende eben möglich ist.

Hunger wie ein Bär

Nachdem ich einen Tip beherzigt und in der Nacht auf feste Nahrung verzichtet habe und ausschließlich Kohlenhydratreiche Getränke zu mir genommen habe, fällt das morgendliche Omelett fast einfach so durch. Ich habe Hunger wie ein Bär und haue rein was geht. Die Angst, dass mir das eventuell zum Verhängnis wird bleibt zum Glück unbegründet. Das Tageslicht und das gefüllte Bäuchlein geben mir Kraft um die nächsten Runden zu überstehen.

Was muss ich in der Pause tun um die nächste Runde zu überstehen!?

Wir drehen am Vormittag weiter unsere Runden, mir geht es gut und denke einfach nur von Runde zu Runde. Keine 100 KM, keine 24 Stunden sind wichtig sondern immer nur die nächste Runde. Man ist ohnehin sehr gut beraten sich keine Ziele zu stecken sondern die Gedanken auf der aktuellen Runde ausschließlich darauf zu lenken – “Was muss ich in der Pause tun um die nächste Runde zu überstehen?” Alles weitere kann man nicht beeinflussen. Um so länger sich das ganze hinzieht um so wichtger ist es in den Pausen alles nötige zu tun. Ich habe wie schon in den vielen Backyards zuvor das große Glück, dass mich meine Claudi und mein lieber Freund Domi als Supporter so toll unterstützen, dass ich fast an nix denken muss. Perfekt! Inzwischen ist es Nachmittag geworden und unser Team ist um weitere 3 Läufer geschmolzen. Nach 24 Stunden hat allmählich jeder von uns das eine oder andere kleine Wehwehchen oder auch mal mit einem Tief zu kämpfen aber jeder gibt sein Bestes und wir drehen weiter unsere Loops!

Die zweite Nacht

Die zweite Nacht bricht herrein und zu Beginn fühle ich mich immer noch gut. Zu keinem Zeitpunkt mit dem Magen Probleme, mental auf der Höhe, die Müdigkeit war bislang auch noch kein Thema, auch eine Blase am Zeh, die schnell und unkomplitziert “verarztet” wurde bringt mich bislang nicht aus dem Gleichgewicht. Optimistisch aber zugegeben auch muskulär langsam etwas angegriffen will ich unbedingt durch die zweite Nacht.

Hoffnung

Doch sollte es anders kommen als erhofft? Während die Runden 28 und 29 noch prima liefen, spürte ich sofort mit Beginn der 30sten Runde dass meine linke Wade von einem auf den anderen Moment zumacht. Was für eine rießige Sch….. Ich versuche mit vielen Gehpausen und Dehnen die Verhärtung rauszubekommen aber das fieße Ding hält voll dagegen. Ich schaue immer wieder auf die Uhr…sie tickt unaufhörlich und ich habe zum ersten mal Schiss es nicht in den 60 Minuten zu schaffen. Selbst zügiges Gehen ist kaum noch möglich. Als ich endlich das Stadion sehe und auf die Uhr schaue wird mir klar, dass es so eng wird wie noch nie. Ich gebe nicht auf und will es unbedingt schaffen um dann vielleicht in der nächsten Runde wieder auf´s Neue zu starten. Mein Traum in neue Backyard-Sphären vorzustoßen rücken in weite ferne und ich bin wütend und traurig zugleich, auch wenn ich schon 200 Kilometer gelaufen bin und damit einen persönlichen Rekord geschafft habe. Ich will weiter…es bleibt immer die Hoffnung.

Das jähe Ende

Das 300 Meter im Stadion so lang sein können hätte ich mir niemals träumen lassen. Minutenlang humple ich auf der Tartanban in Richtung “Ziel”. Das Flutlicht und der sich niederlegende Nebel, das Anfeuern der Fans und des Team zelebrieren mir einen ziemlich dramatischen Zieleinlauf. Nur Sekunden bevor die neue Runde startet schaffe ich das für unmöglich gehaltene. Runde 30 ist geschafft! Ich versuche mit Dehnen die Wade wieder in Schwung zu bringen doch das Ding ist hart wie Stein und schmerzt so stark. Alle motivieren mich es nochmals zu versuchen und auf die Runde 31 zu gehen. Mir geht durch den Kopf was ich immer meiner Frau sage…”schick mich raus auch wenn ich jammere und rumheule! So lange ich nicht verletzt bin oder sonst irgendein Gesundheitliches Risiko besteht, schick mich raus!”

“Gestorben wird auf der Strecke!”

“Gestorben” wird auf der Strecke ist eine ungeschriebene Backyard-Regel. Heißt, du gehst auf die nächste Runde…immer und immerwieder…solange bis du es einfach nicht mehr schaffst die 6,7 KM in 60 Minuten zu laufen. Also verlasse ich nochmal das Startquadrat, doch nach knapp 100 Metern ist es für mich vorbei. Ich kann keinen Schritt mehr machen, die Schmerzen in der Wade sind einfach zu groß. Ich entscheide mich an dieser Stelle abzubrechen, sofern man überhaupt von einer Entscheidung sprechen kann. Am Ende trage ich 30 Loops zum Gesamtergebnis des deutschen Teams bei. Ich bin glücklich und traurig zugleich. Auf der einen Seite steht eine persönliche Bestleistung und auf der anderen Seite das Wissen, dass ich mich bis auf die Wade noch recht gut gefühlt habe und sicherlich noch das eine oder andere Ründchen drin gewesen wäre. Hilft aber nix, vorbei ist vorbei.

Am Ende schaffen wir es mit dem Team Germany auf einen guten 14. Gesamtplatz. Der deutsche Sieger Hendrik Boury sieht nach Runde 46 noch so aus wie nach Runde 1, sehr geiiilll…

Wenn der Weg das Ziel ist

Für mich steht fest, ich mach da weiter. Das Backyard Laufformat ist sicherlich nicht jedermanns Sache aber mir geht das ganz gut rein und ich will mehr. 2023 kommt und ich werde wieder irgendwo bei einem oder mehreren Backyards am Start sein und mein Glück versuchen. Vielleicht klappt´s, vielleicht auch nicht. Der Weg dahin wird sicher nicht einfach aber wenn der Weg das Ziel ist, ist das Ziel am Ende auch völlig unwichtig. Viel wichtiger ist der Spaß und die Freude am Laufen und an der tollen Gemeinschaft uns im Hobby eint.

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