Viele Kilometer. Lange Nächte. Persönliche Grenzen.
Ein Laufjahr, das auf dem Papier stark aussieht – und sich beim genaueren Hinsehen selbst relativiert. Ein Rückblick auf Ultras und dass nicht alles, was mir wichtig ist, auch wichtig sein muss.
Warum ich überhaupt zurückblicke
Ich schreibe diesen Rückblick nicht wegen den bombastischen Ziel-Zeiten oder tollen Platzierungen. Zahlen lassen sich vergleichen, sortieren, bewerten.
Mich interessiert inzwischen auch etwas anderes: Was bleibt, wenn man das alles weglässt?
Der Begriff Nebensächlichkeiten klingt hart.
Fast respektlos gegenüber Dingen, die mir viel bedeuten.
Und doch trifft er es erstaunlich gut.
Denn während ich laufe, planen andere noch viel größere Läufe.
Während ich zufrieden bin, sind andere um Welten besser.
Und während ich meinem Hobby nachgehe, gibt es Regionen auf dieser Welt, in denen es nicht um Sport geht – sondern ums Überleben.
Das macht meine Erlebnisse nicht falsch. Aber es ordnet sie ein.

Frühling – 260 Kilometer zwischen Mailand und Sanremo
Im Frühjahr lief ich von Mailand nach Sanremo.
260 Kilometer. Zwei Nächte. Gegenwind, Asphalt, Meer.
Ein Ziel, das sich richtig groß anfühlte.
Ein Finish, das mich körperlich trocken und leer und gleichzeitig sooooo lebendig zurückließ.
Ein paar Tage später war der Körper erholt.
Die Medaille hängt an der Wand.
Der Alltag war zurück.
Ich glaube das war genau der Moment, in dem ich verstanden habe,
wie schnell selbst große Dinge schnell wieder ganz klein werden.

Mai – Harter Knochen Ultra und die Sache mit dem Kreis
Im Mai stand ich an der Hedwigsquelle in Ettlingen.
Zwei Kilometer Runde. Hundert Höhenmeter.
25 Mal hoch und 25 Mal runter.
Der Harter Knochen Ultra war irgendwie absurd, herzlich und doch genau richtig.
Ein Strava-Segment wurde für ein paar Stunden zum Ultratraum.
Wir schwatzten, lachten, fluchten und liefen weiter.
Zur selben Zeit liefen anderswo Backyards mit Ergebnissen jenseits der 400 Kilometer.
Und gleichzeitig kämpften Menschen in Europa, in Asien, im Nahen Osten und in Afrikanischen Ländern nicht um Runden, sondern um Sicherheit um Ihr Leben und mit Hungersnot.
Ich lief trotzdem weiter.
Nicht aus Ignoranz – sondern, weil ich es konnte, weil ich priviligiert bin und das ist kein Verdienst.

August – 6 Stunden Wiesbaden und das trügerische Gefühl von Bedeutung
Der August brachte den 6-Stundenlauf in Wiesbaden, gemeinsam mit lieben Freunden.
Eine schöne Runde, ordentlich Höhenmeter.
Geplant als Trainingslauf, geendet mit 63 Kilometern und sogar einem Podestplatz.
Ein gutes Gefühl, ja sogar ein tolles aber
Eines, das nur kurz bleibt.
Während ich mich über das Ergebnis freute, läuft die Französin Justine Houteer Magni 915 KM in 8 Tagen. Gleichzeitig werden auf der ganzen Welt wieder neue Höchststände bei Hunger und Flucht gemeldet.
Meine Leistung war real.
Meine Freude war ehrlich.
Zwar relevant in meinem kleinen Läufer-Kosmos, völlig unrelevant und unauffällig für den Rest der Welt.

September – Backyard Ultra, Pain Cave und das Ende des Vergleichs
Der Bienwald Backyard Ultra war neben Mailand-Sanremo der sportliche Höhepunkt des Jahres. 32 Runden. 214 Kilometer.
Bis Runde 30 lief es ziemlich gut, dann kam die Pain Cave – keine Strucktur mehr, keine Lösungen mehr und genau deshalb kurz danach das Jähe Ende.
Neue persönliche Bestleistung, ja.
Und trotzdem im Hinterkopf wieder dieses leise Ziehen: Da wäre doch noch mehr gegangen, wenn….
Zur gleichen Zeit liefen andere weiter.
Deutlich weiter.
Backyards, die meine Leistung nüchtern relativierten.
Wie sagt man…
Nicht der Mangel an Erfolg macht unglücklich, sondern der Vergleich.
Vielleicht war genau hier der Wendepunkt.
Nicht sportlich – sondern gedanklich.

Eine Woche später – Baden-Marathon, Heimat und Verantwortung
Eine Woche nach dem Backyard stand ich am Start beim Baden-Marathon in Karlsruhe.
Großer gelber Ballon am Shirt. Zugläufer. 3:59 Stunden.
Nicht „mein“ Rennen – und vielleicht aber gerade deshalb eines der ehrlichsten des Jahres.
Tempo halten.
Motivieren.
Andere ins Ziel bringen.
Kein Ego.
Keine Inszenierung.
Nur das Gefühl, für einen Moment sinnvoll zu sein – im Kleinen.
Was bleibt
Ich bin letztes Jahr um die 4.000 Kilometer gelaufen.
Ich habe Ziele erreicht aber auch verpasst.
Ich habe aber auch gelernt, dass beides gleichzeitig sein darf.
Ja der Lauf-Sport ist meine Welt.
Aber er ist nicht die Welt.
Demut ist nicht, sich klein zu machen. Demut ist, sich richtig einzuordnen.
Mit diesen Worten von Albert Schweizer schließe ich mein Ultralaufjahr endlich ab.
Ja, ich laufe weiter.
Nicht, weil es wichtig ist.
Sondern weil ich in einer Welt lebe,
in der ich es mir leisten kann,
dass es unwichtig ist.
