🇮🇹 Impossible Target UMS 2025 – Ultra Milano – Sanremo

„Dove c’è la volontà, c’è la strada.“ – Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Auch wenn er 260 Kilometer lang ist…

„Impossible Target“ – das ist nicht nur der Name dieses Laufes. Es ist ein Versprechen. Eine Herausforderung. Eine Einladung zum Wahnsinn. Und ich hab sie angenommen.

Es begann – wie viele große Abenteuer – mit einem Traum. Einem Traum, der irgendwann zu einem Ziel wurde. Und dann zu einem Plan. Und schließlich, nun ja… zu einem ziemlich verrückten Wochenende mit 260 Kilometern quer durch Norditalien, begleitet von Sonne, Wind, Schmerz, Pizza, Tränen und einer Menge Lächeln. Aber von vorne.

Schon am Donnerstag reisten wir in Mailand an – mein Herzblättle Claudi, unsere große Tochter Vanessa und ich. Die Stadt begrüßte uns mit Frühlingssonne, Straßencafés und dem vertrauten Duft nach Espresso und Vespa-Abgasen. Nach einem kurzen Bummel durch die Stadt mit Kaffee und leckerem Eis ging es am späten Nachmittag zum Briefing – stilgerecht in den Räumen der renommierten Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore.

‚Impossible Target‘ Event Briefing in Mailand und Begrüßung aller Teilnehmenden

Um Punkt 17 Uhr beim Get-together in Mailand treffen sich 50 Ultraläufer und Ultraläuferinnen aus der ganzen Welt. Manche kennen sich, andere sind zum ersten Mal dabei. Aber alle verbindet dieser leicht verrückte, fast schon größenwahnsinnige Gedanke: Von Mailand nach Sanremo. Nonstop. Zu Fuß. Durch Städte, Hügel, Küstenstraßen – und durch alle emotionalen Aggregatzustände, die der Mensch kennt. Alles ist sehr herzlich, persönliche Begrüßung aller Teilnehmenden, ein kleines Geschenk, ein Lächeln von Mensch zu Mensch, als wüsste man schon im Voraus, dass dieses Wochenende etwas ganz Besonderes werden würde. Das Briefing selbst wurde auf Italienisch und Englisch gehalten. Nach einem informativen Briefing über die Strecke, Besonderheiten (und ein paar gut gemeinten Warnungen à la „Attenzione alle macchine“), folgte der schöne Teil: eine kleine Zeremonie. Alle Teilnehmenden wurden namentlich vorgestellt, beklatscht, willkommen geheißen – mit einem herzlichen Lächeln und einem kleinen Gastgeschenk. So liebevoll. So italienisch. Così bello!

Nach 90 Minuten war klar: Das hier wird mehr als nur ein Lauf. Es wird ein Abenteuer fürs Herz ❤️

🛠️ Die erste kleine Überraschung kam schon kurz zuvor per Mail: Wegen einer Baustelle wird der Start kurzerhand von Mailand ins malerische Pavia verlegt.
Neue Strecke, neues Glück – 260 Kilometer statt der ursprünglich geplanten 285. Geschenkt! (Also, gefühlt natürlich trotzdem 300…) und immer noch eine Menge Asphalt, Emotion und Energie, die bewältigt werden wollten.

Start in Pavia!

🌬️ Gegenwind, der sich wie ein italienischer Schwiegervater anfühlt

Der Freitagmorgen fühlte sich an wie der Beginn eines großen Films. Die Sonne schien, das Thermometer zeigte 25 Grad, und vor dem Startbereich lag diese knisternde Spannung in der Luft, wie sie nur Ultraläufe erzeugen können.

Um Punkt 12 Uhr – „mezzogiorno“, wie der Italiener sagt – fiel der Startschuss. Viaaa!
Der Startschuss fällt. Die Beine laufen los. Und irgendwo im Inneren ruft eine kleine Stimme:
„Sei pazzo?!“Bist du verrückt? Und ich grinse: „Sì.“ Die ersten Kilometer? Klar Verkehr und erstmal raus aus der Stadt aber auch Bilderbuch-Italien, weite Felder, hier und da schon gelbe Rapsblüten, singende Vögel.
Aber dann: Gegenwind. Und zwar 130 Kilometer lang. Direkt. In. Die. Fresse! Nicht so ein freundlicher Wind, der dich leicht kühlt, sondern der windgewordene Giovanni, der mit verschränkten Armen sagt: „Wohin willst du denn, amico mio? Nicht so schnell, eh?“ Jeder Schritt wird zum Widerstandstraining. Als ob man durchs Olivenöl rennt. Ich fluche innerlich – aber auch ein bisschen andächtig. Denn ich weiß: Das hier wird eine Geschichte.

Aber die Stimmung war gut. Schon nach wenigen Kilometern bildeten sich kleine Grüppchen, und es ergaben sich tolle Gespräche. Mit Milena aus Polen sprach ich über den Spartathlon den sie schon 3 Mal unter 30 Stunden gefinsht hatte. Der Portugise Rui Luiz erzählte mir, dass er ohne Crew hier ist. Ich biete Ihm natürlich sofort die Unterstützung meiner Crew an. Er bedankt sich sehr überschwänglich und macht im späteren Verlauf des Rennens auch davon Gebrauch – jeder hatte seine eigene Geschichte, seine eigene Motivation. Und doch liefen wir alle gerade denselben Weg – durch die Reben und Dörfer der Lombardei, begleitet von hupenden Autos und vorbeidonnernden LKW´S und natürlich dem leichten Klackern unserer Schuhe.

Hier sichere ich die 3-fache Spartathlon Finisherin Milena aus Polen nach hinten ab 😄

Der erste Verpflegungspunkt nach 25 Kilometern in der Bar Roma in Casteggio kam wie gerufen. Getränk nachfüllen, Kekse, was salziges – und am liebsten natürlich ein schneller Espresso. Die Bar war typisch italienisch, samt Einheimischen, die mit Cappuccino und Zeitung am Tresen standen und uns vermutlich für komplett verrückt hielten. Sie hatten ja nicht ganz Unrecht. Auf den Espresso verzichtete ich natürlich auch.

Weiter ging’s, Kilometer für Kilometer. Die Sonne ☀️ war gnadenlos, der Wind ebenfalls, aber irgendwie war ich im Flow. Immer wieder wechselte ich die Position in unserem kleinen Grüppchen, mal lief ich allein, mal plauderte ich mit Crews anderer Läufer am Straßenrand. Meine eigene Crew – Claudi und Vanessa – sie waren wie ein Uhrwerk. Sie hatten stets das Richtige zur Hand, ob Spezi, Gels, Bananen, Milchreis oder Apfelschorle und immer ein aufmunterndes Lächeln. Diese kurzen Begegnungen waren kleine Rettungsinseln im Strom des Laufens.

🍂 Kilometer 94 – Wenn sogar die Gels keinen Bock mehr haben

Bei Kilometer 94 erreichten wir den nächsten Checkpoint in Ovada. Die Gelateria LungÒrba! Meine Schuhe sind schon eingestaubt. Mein Hirn ist matschig. In mir tobt schon ein mentaler Kampf. Ich habe Hunger, aber nichts schmeckt so recht. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Zitronensorbet noch nie so gut geschmeckt hat….war natürlich mal wieder nur eine Wunschvorstellung. Naja, ein paar Minuten Sitzen, Schuhe lockern, Augen zu, durchatmen – und weiter.

Kurzer Zwischenstopp mit Wasser und Tee

Die erste Nacht brach herein. Und mit ihr eine ganz neue Stimmung. Die Straßen wurden ruhiger, die Luft kühler. In den Hügeln in Richtung Genua wurde es sogar feucht und neblig – ein gespenstisches Bild, das sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Die Stirnlampe zeigte nur einen kleinen Lichtkegel, darüber flimmernde Reflexionen von Straßenschildern und Katzenaugen. Mit Simona aus Italien geht´s hinauf zum Turchino. In den Hügeln des Turincho wird es… sagen wir: interessant. Der Regen ist kein Regen, sondern ein Niesel, der sich anfühlt wie ein nasser Hund, der sich an dich schmiegt und sagt: „Ich bleibe.“ Und dann irgendwann: Stille. Gedanken kommen, gehen, manche bleiben. Ich dachte viel an meine Familie. An unsere „kleine Tochter“ Melissa zuhause, die mir noch eine so wunderbar, motivierende Nachricht per WhattsApp geschickt hatte ❤️. An das Ziel. An Pizza. Und an meine Achillessehne, die sich leise meldete.

🌅 Samstagmorgen – Die Küste! Die Küste! Und… die Hölle auf Asphalt

In Voltri, nach etwa 133 Kilometern, wartete die nächste Oase: die Bocciofila Voltrese, ein Boule-Club, der zum kulinarischen Zwischenstopp wurde. Pasta, Brühe, freundliche Worte. Das war nicht einfach nur Verpflegung – das war Seele streicheln. Und gleichzeitig die Erkenntnis: Wir sind noch lange nicht da.

Endlich: Ligurien. Meerblick. La dolce vita? Jein.
Der Morgen bricht herein, ich habe ich links das glitzernde Wasser, rechts die Pinien und duftenden Hänge – aber unter meinen Füßen: harter Asphalt. Und vor mir: eine endlose scheinende, kurvige Straße – häufig ohne Gehweg. Auto gegen Läufer? Italien sagt: „Regeln sind nur Vorschläge.“

Guten Morgen – endlich wirds wieder hell – nur noch 130 KM

Ich springe zur Seite, weiche aus, fluche, erfinde neue Schimpfwörter. Aber dazwischen: Wieder Gespräche mit anderen Läufern. Hilfsangebote von fremden Crews. Ein Lächeln von Passanten. Anfeuerungsrufe….„Dai, dai, dai and keep smiling, we are already in paradise!“ Der Samstagmorgen begrüßte uns mit einer leichten Brise von hinten und vom Meer. Ab da wurde es landschaftlich spektakulär – aber auch herausfordernd. Die Strecke führte direkt an der Küstenstraße entlang. Links das blaue, ruhige Meer, rechts die steilen, grünen Hänge Liguriens – dazwischen: wir, die Läuferinnen und Läufer. Und Autos. Viele Autos. Zum Teil mit italienischem Fahrstil, der irgendwo zwischen Formel 1 und Achterbahn liegt. Jeder Schritt war ein kleiner Balanceakt.

Doch es gab auch diese Momente, die ich nie vergessen werde. Ein älteres Ehepaar, das mir half meine Crew wiederzufinden als der Akku meiner GARMIN nach 200 Km schlapp machte und natürlich mein Handy auf dem Abschnitt nicht dabei hatte. Ein wenig italienisch, ein wenig englisch und irgendwie hat´s dann auch geklappt. Und immer wieder andere Läuferinnen und Läufer die mit mir scherzten, klagten, lachten. Man leidet nicht allein in solchen Momenten – man teilt, und das macht es erträglich.

Kilometer 194, ich habe Schmerzen an Stellen, von denen ich vorher nicht wusste, dass sie existieren. Meine rechte Achillessehne? Ein Vulkan. Meine Füße? Ein Katastrophengebiet.
Ich? Ein lächelnder Wahnsinniger. Doch ich erreiche Pietra Ligure. In der Palestra Il Corpo, einer Sporthalle, wurden wir mit warmen Essen, Tee und allerlei Knapperzeug empfangen. Eine Mischung aus Erschöpfung und Dankbarkeit machte sich breit. Vielleicht auch, weil ich wusste: Jetzt ist es nicht mehr weit.

Milchreis ist der King!

🌑 Zweite Nacht – Zwischen Dämmerung und Delirium

Die zweite Nacht war hart. Sehr hart. Ich verliere langsam das Zeitgefühl. Die Welt besteht aus Lichtflecken, Schmerz und endlosen Kilometern. Ich rede mit mir selbst. Mit Bäumen. Ich glaube auch mal mit einem Mülleimer. Einmal frage ich mich, ob ich überhaupt noch laufe oder nur denke, dass ich laufe. Es war, als hätte mein Körper sich schon verabschiedet und der Rest funktionierte nur noch durch Willenskraft.

Doch irgendwann, irgendwo auf dem Radweg 11 Kilometer vor Sanremo, nocheimal meine zwei Lieben. Claudi und Vanessa stehen wie eine Eins an der letzten mobilen Verpflegungsstation. Es fühlt sich gut an und ich weiß jetzt, ich habs sogut wie geschafft, es kann mich nichts mehr aufhalten. Das Ziel. Es war greifbar nah.

Dann: Sanremo.
Das Meer.
Noch 5 Kilometer. Ich taste mich durch die letzten Meter. Ich schwanke. Ich zähle Schritte. Dann die letzte Bucht, der Strand – Bangi Oasis!

Ich sehe den Zielbogen, ich sehe meine Mädels. Ich spüre den Sand. Ich berühre das Wasser.

Nach 38 Stunden und 29 Minuten war es so weit. Nix da Impossible, everthing is possible! Nach dem obligatorischen Zielfoto mit Medaille fiel ich Claudi und Vanessa in die Arme. Tränen, Lachen, Erschöpfung, Euphorie. Ich hatte das Impossible Target erreicht. Der Veranstalter gratulierte mir zum tollen 9. Platz und lobte mein „exzellentes Problem-Management “ unterwegs. Ich war leer – aber gleichzeitig voller Leben.

„Ich kam nicht als der Schnellste ins Ziel. Aber ich kam an – mit offenen Augen, vollem Herzen und dem tiefen Gefühl, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.“

Manchmal frage ich mich, was mich eigentlich antreibt, solch ein Abenteuer auf mich zu nehmen. Ist es der sportliche Ehrgeiz? Die Neugier auf die eigenen Grenzen? Vielleicht. Aber wenn ich ehrlich bin, war es vor allem das Gefühl, wirklich zu leben. Mit jedem Schritt, jedem Tropfen Schweiß, jedem Lächeln unterwegs. In einer Welt, in der so vieles getaktet und kontrolliert ist, war dieser Lauf ein einziges großes Freiheitsgefühl. Ich war nicht nur Läufer. Ich war Mensch. Und Italien 🇮🇹 war für ein Wochenende mein Herzschlag ❤️

Danke an alle, die dieses Abenteuer möglich gemacht haben. An meine Familie. An alle Helferinnen und Helfer. Und an Italien – für 260 Kilometer, die ich nie vergessen werde.

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